Untersuchungen in der Schwangerschaft

Sie sind schwanger und wissen nicht, welche Untersuchungen für Sie und Ihr Kind sinnvoll sind? Heutzutage wird werdenden Müttern eine Vielzahl von Untersuchungen angeboten. Manche davon sind dazu da, die Gesundheit der Mutter zu überwachen, andere dienen dazu, die Entwicklung des Kindes zu kontrollieren.

Grundsätzlich ist es wichtig und überaus sinnvoll, die Schwangerschaft medizinisch zu begleiten. Die Einführung der Mutter-Kind-Pass-Untersuchungen hat wesentlich dazu beigetragen, die Gesundheit von Müttern und Kindern deutlich zu verbessern.
Aber nicht alle Untersuchungen sind sinnvoll, und manche sind sogar riskant. Lassen Sie sich nicht zu etwas drängen, das Sie gar nicht wollen!

Uneingeschränkt empfehlenswerte Untersuchungen:

Ultraschall
Die Ultraschalluntersuchung ist für Mutter und Kind schmerzlos und ungefährlich.
Dabei werden Größe und Gewicht des Babys festgestellt (Fetometrie), um zu sehen, ob es sich richtig entwickelt und gut versorgt wird.
Das Organscreening im späteren Verlauf der Schwangerschaft überprüft die Organe des Kindes wie Herz und Nieren usw., ob sie gut ausgebildet sind und richtig funktionieren. (Falls dabei irgendwelche Fehlentwicklungen festgestellt werden, können bereits Maßnahmen geplant werden, z. B. eine lebensrettende Operation des Kindes gleich nach der Geburt).
Ein Doppler-Ultraschall misst die Durchblutung der Nabelschnur und der Gebärmuttergefäße. Falls das Kind nicht ausreichend mit Blut versorgt wird, kann man eventuell die Geburt etwas früher einleiten.

Blutuntersuchung der Mutter
Die Blutabnahme ist für Mutter und Kind ungefährlich. Im Blut der Mutter können sich Hinweise auf mögliche Krankheiten der Mutter finden, die auch für das Kind schädlich sind, z. B. Toxoplasmose, Diabetes (Zuckerkrankheit) usw. Außerdem kann festgestellt werden, ob die Mutter gegen Krankheiten wie Röteln und Windpocken immun ist; wenn diese Krankheiten nämlich bei Schwangeren auftreten, können sie schädlich für die Entwicklung des Kindes sein. Darum ist es wichtig, rechtzeitig etwas dagegen zu tun.

Untersuchungen, die zu Verunsicherung führen können:

Bei der Ultraschalluntersuchung wird meist die sogenannte „Nackenfaltenmessung“ durchgeführt, die eigentlich die Dicke einer Flüssigkeitsansammlung im Nacken des Kindes misst. Wenn sich hier ein ungewöhnlicher Wert ergibt, besteht ein erhöhtes Risiko für gewisse Behinderungen des Kindes, wie z. B. Trisomie 21 (auch als Down-Syndrom oder „Mongolismus“ bekannt), Neuralrohrdefekt (Entwicklungsstörung des Rückenmarks, „offener Rücken“) und andere. Doch solche Befunde sind mit Vorsicht zu genießen! Es handelt sich hier lediglich um statistische Wahrscheinlichkeiten – keineswegs ist es „sicher“ oder auch nur „wahrscheinlich“, dass das Kind wirklich diese Behinderung hat.

Dasselbe gilt für den Triple-Test, der bei der Blutuntersuchung oft automatisch in der 15. Schwangerschaftswoche gemacht wird. Auch hier ergeben abweichende Werte einen Hinweis auf „erhöhte Wahrscheinlichkeit“ für bestimmte Behinderungen – jedoch handelt es sich auch hier nicht um eine „sichere“ Diagnose! Bei Mehrlingsschwangerschaften hat er grundsätzlich keine Aussagekraft.

Ein Beispiel: Von 1000 Schwangeren, die den Triple-Test machen lassen, erhalten 100 den Befund „erhöhte Wahrscheinlichkeit für Down-Syndrom“. Aber nur eine einzige dieser Frauen erwartet tatsächlich ein Kind mit Down Syndrom – das ist gerade mal 1 %. Jedoch: die 99 anderen Mütter leben jetzt (unnötig) mit der Angst, ein behindertes Kind zu bekommen!

Beim Combined-Test wird die Ultraschallmessung der Nackentransparenz mit einer Blutabnahme kombiniert. Er wird meist in der 12. Schwangerschaftswoche durchgeführt. Bei einem Kind mit Down-Syndrom zeigt der Test ein erhöhtes Risiko. Es gibt jedoch auch viele Fälle, in denen der Test ein erhöhtes Risiko zeigt, das Kind aber gesund ist. Meistens wird ab einem Risiko von 1:300 eine Abklärung durch weitere (risikoreiche) Untersuchungen empfohlen. 1:300 bedeutet, dass nur bei einem von 300 Kindern und Müttern, bei denen das Untersuchungsergebnis auffällig ist, tatsächlich ein Down-Syndrom vorliegt.

Falls diese Untersuchungen bei Ihnen durchgeführt werden und Sie einen positiven Befund für eine „mögliche Behinderung“ Ihres Kindes bekommen, lassen Sie sich davon nicht verunsichern. Die Wahrscheinlichkeit, dass Ihr Kind tatsächlich behindert ist, ist immer noch sehr, sehr klein!

Invasive (riskante) Methoden:

„Invasiv“ bedeutet, dass dabei Gewebe (der Mutter und/oder des Kindes) verletzt wird.
Bei der Chorionzottenbiopsie wird ein kleiner Teil des Mutterkuchens entnommen – entweder mit einer langen Nadel, die in lokaler Betäubung durch die Bauchdecke der Mutter bis in die Gebärmutter gestochen wird (wobei sie mit Ultraschall beobachtet wird), oder durch einen Schlauch durch die Scheide und den Gebärmuttermund. Dieses Stückchen kann dann im Labor untersucht werden, um z. B. genetische Schäden festzustellen.
Diese Untersuchung bringt aber das Risiko für Blutungen oder Infektionen mit sich, sie kann den Embryo verletzen, z. B. Arme und Beine deformieren, und sogar bei fast 9% zu Fehlgeburten führen.

Ein Vergleich: vier Schulklassen mit insgesamt 100 Kindern fahren zu einem Sportereignis, bei dem erfahrungsgemäß etwa 9 Kinder sterben werden. Würden Sie Ihr Kind mitfahren lassen? – Die Chorionzottenbiopsie ist genauso gefährlich!

Auch bei der Amniozentese (Fruchtwasserpunktion) wird eine Nadel durch die Bauchdecke in die Gebärmutter gestochen, um Fruchtwasser zu entnehmen. Die darin enthaltenen kindlichen Zellen werden dann untersucht.
Die Risiken sind ähnlich wie bei der Chorionzottenbiopsie: Blutungen, Fruchtwasserverlust, Infektionen, Verletzung des Kindes oder sogar Fehlgeburt (ca. 2 bis 5% – je älter die Mutter, desto höher die Gefahr).

Bei einer Nabelschnurpunktion (nur sehr selten nötig, z: B. bei Rhesus-Unverträglichkeit) wird kindliches Blut aus der Nabelschnur entnommen. Das Fehlgeburtsrisiko liegt zwischen ca. 2 und 7%.

Diese Untersuchungen werden nicht routinemäßig angeboten, sondern nur dann, wenn Ultraschall oder Blutuntersuchung bereits ein erhöhtes Risiko für eine Behinderung des Kindes angezeigt haben. Mit diesen Tests kann eine genauere Diagnose erstellt werden – allerdings ist kein Test zu 100% genau.

Bevor Sie einer solchen Untersuchung zustimmen, überlegen Sie sich, ob Ihnen das Ergebnis etwas nützen würde.
Genetische Erkrankungen sind unheilbar!
Schon in der Schwangerschaft mit einiger Sicherheit zu erfahren, ob Ihr Kind einen Gen-Defekt hat, lässt folgende Möglichkeiten offen:
• Sie können ihr Kind so annehmen, wie es ist. Allenfalls können Sie sich schon jetzt darauf vorbereiten, wie Sie dieses besondere Kind am besten fördern können.
• Sie können sich entschließen, ein möglicherweise behindertes Kind zur Adoption freizugeben oder es einer Pflegefamilie zu überlassen.
• Sie können Ihr Kind abtreiben lassen (mit dem Risiko, möglicherweise ein gesundes Kind getötet zu haben).
Für die ersten beiden Punkte ist es nach der Geburt auch noch nicht zu spät. Falls also Abtreibung für Sie als Option sowieso nicht in Frage kommt, sollten Sie sich gut überlegen, ob Sie ein bis zu 9%iges Risiko einer Fehlgeburt auf sich nehmen möchten, um die Untersuchung durchführen zu lassen.
Aber selbst wenn Abtreibung für Sie eine Möglichkeit ist, bleibt dieses Fehlgeburts-Risiko bestehen – auch wenn Ihr Kind vielleicht sowieso gesund ist.
Lassen Sie sich nicht unter Druck setzen! Manche Ärzte versuchen sich rechtlich abzusichern, indem sie alle nur denkbaren Tests machen. Aber Sie „müssen“ keiner Untersuchung zustimmen, die eine Gefahr für Ihre Gesundheit oder die Ihres Kindes mit sich bringt.

 

Quellen:

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Auf der Internetseite http://www.down-syndrom.at/forum/showthread.php?1783-Combined-Test-und-was-nun kann man nachlesen, zu welchen Sorgen ein positives Testergebnis führen kann.

http://de.wikipedia.org/wiki/Nackentransparenz